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Card Crafting

Die Idee, Komponenten von Gesellschaftsspielen dynamisch zu gestalten, ist ja nicht ganz neu. In einigen Spielen wird man dazu aufgerufen, Spielkarten zu zerstören, zu beschriften oder aus Einzelteilen zusammen zu stecken (z.B. diverse Legacy-Spiele, Mystic Vale, u.a.).

In unten eingefügten Video stelle ich die Ergebnisse vor, die sich bei meinen Versuchen gezeigt haben, in Kartenhüllen (card sleeves) gesteckte Spielkarten semi-permanent zu beschriften.

Zur Anwendung kommen neben Papier noch „Ultra Pro Card Sleeves“ und ein „Staedtler Lumocolor correctable F“-Stift, den ich ja schon vor einiger Zeit kurz untersucht habe.

Update 12. Mai 2017: Der unten genannte Stift lässt sich auch mit Fotoausdrucken, wie man sie beispielsweise aus CEWE-Fotostationen kennt, verwenden.

Einsatzmöglichkeiten

Sinn und Zweck der Idee hinter card crafting ist es ja zu erreichen, dass Spielkarten im Verlauf des Spiels verändert werden und nicht in jedem Spiel so aussehen müssen, wie AutorInnen sie den SpielerInnen ursprünglich in die Schachtel gelegt haben.

Angenommen, die Karten zeigen rollenspieltypische Helden, kann die (oft in Zahlen festgehaltene) Entwicklung — das Aufsteigen oder auch das Schadennehmen — direkt auf der Karte markiert werden. Hinzugewonnene Levels können angekreuzt, verlorene Gesundheits- oder Manapunkte weggestrichen und Namen eingetragen werden, und das auch alles mehrfach während einer Partie. Dadurch könnten verschiedene Formen von (Papp-)Markern entfallen, die sonst dazu genutzt werden, variable, spiel-relevante Informationen anzuzeigen.

Mögliche Hindernisse

Vorbereitungen vor dem Spiel erforderlich

SpielerInnen müssen vor Spielbeginn vielleicht ein wenig basteln, um Karten und Hüllen zusammen zu führen oder um noch von der letzten Partie beschriftete Karten wieder frei zu radieren, wobei natürlich auch der Reiz dieser „Technologie“ ist, dass modifizierte Spielkarten auch in nachfolgenden Partien weiter verwendet werden können.
Wenn man aber bedenkt, dass in der Regel bei Spielen jenseits des Verkaufspreises von 10 EUR ohnehin diverse Handgriffe nötig sind, um beispielsweise Marker aus den Trägerpappen zu drücken oder wie jüngst in Ulm die Kirche aus Einzelteilen zusammen zu stecken, kann man wohl davon ausgehen, dass KäuferInnen solcher Spiele bereit sind, gewisse Bastelarbeiten zu vollziehen, bevor der Spaß beginnen kann (für Einige ist Basteln = Spaß!).

Höhere Produktionskosten

Falls eine geeignete Beschichtung von Spielkarten drucktechnisch überhaupt möglich ist (Reaktionen auf entsprechende Anfragen an Druckereien stehen noch aus), erhöht sie sicher die Produktionskosten gegenüber normal gedruckten Karten. Dem Spiel Kartenhüllen in passender Menge beizulegen, ist vermutlich die kostenschonendere Variante.
Mich hat der hier verwendete Stift im Schreibwarengeschäft ungefähr 3,50 EUR gekostet. Als Verlag oder renommierter Autor kommt man sicher auf ein günstigeres Angebot, nicht nur wenn man Mengenrabatt in Betracht zieht. Ein einzelner Stift wird aber für ein typisches 1-5 Spieler-Spiel zu wenig sein.
UPDATE 20.4.2017: Ole von MeinSpiel hat mir folgende Nachricht bezüglich meiner Anfrage nach beschichteten Karten zukommen lassen:

Unsere Karten bekommen eine Art Schutzlack (Lack-Toner). Beschriften mit wasserfesten Stiften geht. Ob es mit dem genannten Stift und dem anschließenden Radieren geht, bezweifele ich aber. Vermutlich müsste man auf Kunststoffkarten drucken. Diese sind aber erst in Auflagen von deutlich über 1000 Spielen sinnvoll machbar. Sorry!

Thematische Einbettung des Stifts schwierig

Thematisch lässt sich der Lumocolor, wie er standardmäßig ausgeliefert wird, sicher weniger gut in ein Spiel integrieren. Da sollte man den Dialog mit Staedtler oder Herstellern ähnlicher Produkte suchen, um zu ermitteln, inwiefern das Äußere des Schreibgeräts dem Spiel angepasst werden könnte. Dass mit Hüllen und Stift auch diverse biologisch nicht abbaubare Materialien ins Spiel kommen, könnte für den Einen oder Anderen auch eine gewisse Rolle spielen.

Begrenzte Lebensdauer

Zudem hält ein Stift auch nicht ewig; irgendwann ist die Tinte aufgebraucht oder der Wischer vielleicht abgenutzt. Da wird man prüfen müssen, wie viele Partien so ein Schreiber im Durchschnitt mitmacht. Gefallen hat mir speziell bei diesem Produkt aber, dass man es offenbar nachfüllen kann, was, wenn ich mich recht erinnere, einigen NutzerInnen nicht ganz leicht gefallen sein soll. Eigene Erfahrungen zum Nachfüllen habe ich allerdings noch keine gemacht. Im Ernstfall müsste so etwas also auch auf usability hin abgeklopft oder sogar eine eigene Lösung ersonnen werden.

Wie ich im Video demonstriere, entsteht durch Beschriftung auf den verwendeten Kartenhüllen eine Art Ghosting-Effekt, es bleiben also (im Normalfall unauffällige) Vertiefungen auf der Oberfläche der Kartenhülle erkennbar, was die Fragen nahelegt, was genau die Tinte mit dem Kunststoff der Kartenhülle anstellt und ob dies überhaupt ein Problem bedeutet. Sollte sich herausstellen, dass die Hüllen nach wenigen Beschriftungsvorgängen schadhaft werden oder Tinte nur noch vereinzelt oder gar nicht mehr aufnehmen, wäre natürlich Vorsicht geboten.
Auch zu diesem Thema kann man sicher mehr in Erfahrung bringen, wenn man Kontakt zu den Herstellern aufnimmt.

Besonderheiten in der Handhabung

Meine Versuche mit dem Lumocolor haben gezeigt, dass man etwa 10-15 Sekunden warten sollte, nachdem man auf geeigneter Oberfläche Beschriftungen vorgenommen hat. Direkt nach dem Auftragen der Tinte verwischt sie nämlich noch und färbt schlimmstenfalls Hände, Tischdecke oder Kleidung. Beachtet man aber die „Einwirkzeit“, kann man die so beschrifteten Karten(hüllen) sogar ganz normal mischen, ohne dass die Aufzeichnungen verschmieren. Selbst das Wischen mit dem Finger führt (nach 10-15 Sek.!) im Normalfall nicht mehr zu Beeinträchtigungen an der Lesbarkeit, wohingegen das Entfernen der Tinte mit dem Wischer hinten am Stift oder einem Taschentuch erfreulich einfach geht — daher spreche ich oben von „semi-permanentem Schreiben“.
Die angesprochene“Einwirkzeit“ ist aber unbedingt einzuhalten, und SpielerInnen müssten darauf hingewiesen werden.

Das Beschriften auf Oberflächen, die feucht oder fettig sind, funktioniert nicht so gut; dann haftet die Tinte nicht zuverlässig auf dem Untergrund. SpielerInnen, die viel schwitzen oder die die Angewohnheit haben, beim Spielen fetthaltige Nahrung anzufassen, könnten mit entsprechend „kontaminierten“ Händen unbeabsichtigt dazu beitragen, dass die Karten(hüllen) unbeschriftbar werden, zumindest solange, bis man sie wieder gereinigt hat.

Fazit

Auch wenn die Liste der möglichen Schwierigkeiten recht lang wirkt, werde ich für mich weiter auszuloten versuchen, wie sich diese Art der variablen Spielkarten in einem Spiel auswirken kann.

Video zum Thema

Veröffentlicht inEntwicklung von Gesellschaftsspielen
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